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Florida, Richard (2005): Cities and the Creative Class. New York: Routledge. 198 S.

Richard Floridas gegenwärtiger Bekanntheitsgrad geht zweifelsohne auf sein vielbeachtetes Buch „The rise of the creative class“ zurück. Mittlerweile hat er einige Folgewerke seiner dort formulierten Analysen und Thesen vorgelegt. Eines davon, das seit einigen Wochen in der Fachgebietsbibliothek verfügbar ist, bezieht sich explizit auf „Cities“, was von daher Anlass genug ist, es dem raumplanungsinteressierten Leser hier näher vorzustellen.

florida Ausgangspunkt der Überlegungen von Richard Florida ist die These, dass Wissen und Kreativität die zentralen Produktivkräfte in der heutigen Zeit darstellen, um den Auf- bzw. Abstieg von Regionen zu erklären. Entscheidend dabei ist jedoch, dass Wissen nicht nur in bestimmten Regionen akkumuliert wird, sondern dass diese Ressource effektiv, oder präziser, kreativ genutzt wird. Nur auf diese Weise können Innovationen generiert werden. Dabei rückt Florida zwangsläufig den kreativen Menschen bzw., wie er es formuliert, die kreative Klasse, in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.

Zur ersten Einordnung dieser bemüht er den Begriff der „Bohémiens“, der die unkonventionelle Lebensform der Intellektuellen, Künstler und Philosophen im Paris des 19. Jahrhunderts umschreibt. Heutzutage wird diese Klasse der Bohémiens im Kern durch solche Personen bzw. Persönlichkeiten formiert, die ihr kreatives Potenzial nutzen, um Innovationen (Produkte, Verfahren, Prozesse) anzuregen oder auch öffentliche Meinungen und Diskurse beeinflussen und die mediale Öffentlichkeit mitgestalten (z.B. Schriftsteller, Schauspieler, Journalisten, Regisseure, Maler, Architekten Fotografen, Moderatoren, Kabarettisten, Musiker, DJs, Starköche, Werber, Designer, PR-Profis, Rechtsanwälte, Wissenschaftler, Software-Ingenieure und Webdesigner, Berater, Coaches, Therapeuten, Manager). Um diesen Kern bildet sich in der Regel ein ganzes Portfolio an Menschen, die in ihrer Haupttätigkeit eine eigenständige, genuin kreative Leistung erbringen (wie in der Unternehmensführung, im Gesundheitswesen usw.). Allerdings gelingt es Florida nicht, diese kreative Klasse in Anlehnung an die amtlichen Statistiken dem Leser präzise zu definieren. Somit ist seine Aussage, dass in den USA gegenwärtig ca. 38,3 Mio. Menschen dieser Klasse angehören, d.h. rund 30 % der amerikanischen Erwerbstätigen, mit Vorsicht zu interpretieren. Im Jahre 1980 betrug in Anlehnung an diese schwammige Definition der Anteil nur 10 Prozent, in 2000 noch unter 20 Prozent (!), was seiner Meinung nach den Aufstieg dieser in den letzten Jahren eindrucksvoll dokumentiere. Florida beschränkt sich vielmehr auf die Feststellung, dass diese Klassenbildung vor allen Dingen an Hand gemeinsamer Interessen und Werte abzulesen sei (z.B. ein urbaner Lebensstil)

 

Von daher sei auch die These dass moderne IuK-Technologien die historische Bedeutung von Städten als Hexenkessel der Diversität, Kreativität und Innovation zurückdrängen, nicht haltbar. Zur Aktivierung bzw. Attrahierung dieser Kreativität sei das spezifische, urbane Milieu entscheidend, in das diese Wissensträger eingebettet sind. Ihr spezifisches, implizites Wissen, das so genannte „tacit knowledge“, ist zu komplex, dass es in einfache Codes zu übertragen und weltweit zu transferieren wäre (wie das explizite Wissen). Diese Milieus, so Florida weiter, bieten Möglichkeiten zum direkten Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten (durch Face-to-face-Kontakte), zur Inspiration, zur Auseinandersetzung mit Extremen usw. Durch eine entsprechende Einbettung und Vernetzung vor Ort kann Vertrauen und soziales Kapital gebildet und letztendlich zur Stabilität dieser Milieus beigetragen werden.

Florida weist ferner darauf hin, dass nicht nur feste Verbindungen innerhalb solcher Milieus, sondern auch, ähnlich wie dies der amerikanische Soziologe Mark Granovetter bereits in den 1980er Jahren für einzelne Produktionscluster feststellte, lockere Beziehungen (weak ties) unter den einzelnen Akteuren ausschlaggebend sind. Nur über solche offenen und flexiblen Zugänge können die etablierten sozialen Netzwerke immer wieder durch neue Personen, Ideen, Gelegenheiten usw. (d.h. kreatives Potenzial) angereichert werden. Zwar reklamiere bereits die Humankapitaltheorie, dass der Schlüssel für regionales Wachstum nicht nur darin begründet liege, durch Nutzung von Agglomerationsvorteilen Kosten zu sparen; vielmehr schlössen sich Unternehmen auch deshalb zu Clustern zusammen, weil sie dadurch hochqualifiziertes Humankapital aufbauen und nutzen können. Gleichwohl erkläre die Theorie nicht, so Florida, warum hochmobile kreative Menschen bestimmte Orte, in denen sie sich schließlich räumlich konzentrieren, bevorzugen. Von daher versucht Florida mit seiner „creative capital theory“« zu erklären, dass regionalökonomisches Wachstum durch die Standortentscheidungen kreativer Menschen (also den Eigentümern des kreativen Kapitals), angetrieben wird.

So nimmt die Geographie der kreativen Klasse in seiner Theorie eine Schlüsselrolle ein. Denn nur in dieser Perspektive können die zugrunde liegenden Faktoren, welche die Standortentscheidung dieser Menschen beeinflussen, hinterfragt werden, anstatt nur darauf zu verweisen, dass bestimmte Regionen mit besonderen Begabungen/Ausstattungen gesegnet sind. Florida weist darauf hin, dass es auf der Welt nur wenige so genannte Hot Spots bzw. Zentren der kreativen Klasse gibt, die eine Magnetwirkung auf kreative Berufe ausüben. Diese Orte macht er als die ökonomischen Gewinner unserer Zeit aus, da sie nicht nur diese kreativen Menschen attrahieren, sondern auch Zentren mit einem überdurchschnittlichen innovativen Output und Wertschöpfung sowie steigenden Bevölkerungs- und Erwerbstätigenzahlen sind. Die Gründe für ihre Prosperität liegen aber nicht in der Bereitstellung von Infrastrukturen oder günstigen Gewerbesteuersätzen, sondern weil kreative Menschen dort leben wollen. Sie folgen nicht ausschließlich attraktiven Beschäftigungsmöglichkeiten, also den Unternehmen, sondern die Unternehmen folgen den für ihren ökonomischen Erfolg ausschlaggebenden Arbeitskräften (bzw. die Arbeitskräfte der kreativen Klasse gründen selbst Unternehmen in diesen kreativen Zentren). Als Pull-Faktoren für diese (potenziellen) Arbeitskräfte der kreativen Klasse nennt er Offenheit gegenüber neuen Ideen, Kulturen und Lebensstilen, Diversität und vor allen Dingen die Möglichkeit ihre Identität als kreative Menschen auszuleben. Denn nur Städte mit einer facettenreichen Mischung dieser ziehen kreative Menschen mit den unterschiedlichsten Talenten an.

Um diese neue Geographie der kreativen Zentren zu verstehen, sind für Florida folgende drei Schlüsselkriterien entscheidend: Talente, Toleranz und Technologie. Diese drei Ts sind nur in ihrer Gesamtheit die Voraussetzung, um kreative Menschen zu attrahieren, Innovationen zu generieren und ökonomische Entwicklung zu stimulieren. So stellt Florida mit Hilfe von zahlreichen Daten und Korrelationsanalysen an Hand einiger US-amerikanischen Metropolen die teilweise bemerkenswert hohen und durchweg signifikanten statistischen Zusammenhänge dieser drei Ts dar und folgert: Je höher die Korrelation sei, desto höher ist der ökonomische Erfolg der einzelnen Städte. So sei auch zu erklären warum Städte wie Baltimore, St. Louis oder auch Pittsburgh in den letzten Jahren, trotz ihres großen Reservoirs an technologischen Kapazitäten und Weltklasse-Universitäten, nicht mehr signifikant gewachsen sind. Ihnen fehle das nötige Maß an Toleranz und Offenheit, was er u.a. an Hand des so genannten Gay-Index belegt, um die top-kreativen Talente anzulocken, wie es beispielsweise in den ökonomisch erfolgreichen Städten San Francisco, Boston, Seattle oder auch Washington D.C. gelungen sei. Allerdings kann Florida mit Hilfe der von ihm verwendeten Indikatoren keine genaueren Angaben darüber machen, ob diese Talente tatsächlich von ihrem kreativen Potenzial Gebrauch machen. So endet der Autor schließlich mit der Feststellung, dass die traditionelle Standortpolitik, die auf die Attrahierung von Unternehmen sowie auf die Bildung von Produktionsclustern zielt, unzureichend sei. Denn seine creative capital theory verdeutliche, dass die Stadt- und Regionalpolitik vielmehr darauf fokussieren sollte für kreative Menschen ein attraktives Milieu der Offenheit und Toleranz zu schaffen („jobs follow people, not people follow jobs any more“).

Wie diese Zusammenfassung seiner wichtigsten Thesen und Aussagen verdeutlichen sollte, hat Florida ein sehr anregendes, aber auch leicht verständliches Buch vorgelegt. Mit Hilfe seines eher unwissenschaftlichen Sprachstils versucht er auf recht unterhaltsame Art und Weise seine Thesen auch immer wieder an Hand seiner eigenen Biographie zu veranschaulichen, indem er das kreative Milieu beschreibt, durch das es durch Interaktion mit anderen Wissenschaftlern immer wieder zu neuen Gedanken bzw. innovativen Forschungsprojekten angeregt worden ist. Gleichwohl wirkt zum Teil irritierend, dass trotz der Kompaktheit und Fokussierung auf „Creative Cities“ (im Vergleich zu „The rise of the creative class“, s.u.), er immer wieder einzelne Gedanken wiederholt und zum Teil lediglich in leicht abweichende Kausalzusammenhänge stellt. Diese kritische Anmerkung soll aber nicht darüber hinweg täuschen, dass sein Buch „Creative Cities“ eine empfehlenswerte Einführung in die Floridasche Gedankenwelt darstellt.

Außerdem empfehlenswert und in der RLP Fachgebietsbibliothek verfügbar:

Florida, R. (2002): The rise of the creative class. And how It’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life. New York: Routledge. 416 S.

Peter Schmitt, März 2006